Wer kennt sie nicht? Es zwickt, es zieht, jeder hat es schon einmal erlebt. Rückenschmerzen. Das ist die häufigste Schmerzart in Deutschland und nach den Infektionen der Atemwege sind sie die zweithäufigste Ursache für Arztbesuche. In 90 Prozent der Fälle gibt es keine eindeutige Ursache für die Schmerzen, weil dynamische Prozesse wie Stoffwechselvorgänge und schleichende Entzündungen oft nicht erkannt werden. Rückenschmerz ist viel komplexer, als oft behauptet und schon gar nicht immer auf die Bandscheibe zu reduzieren, “kaputt“ ist meist gar nichts! Zwei Drittel der Deutschen leiden mindestens einmal pro Jahr unter Rückenschmerzen, unabhängig vom Alter. Auch Kinder leiden heut zu Tage häufig schon unter Rückenschmerzen und zeigen oft Haltungsschwächen bedingt durch den vermehrten TV –und Computerkonsum, also zu langem Sitzen und zu wenig Bewegung. Bei den Erwachsenen sind Bewegungsmangel und Stress häufig Ursache für Schmerzen im Kreuz. Forscher gehen davon aus, dass 80 Prozent aller Fälle auf muskuläre Ursachen zurückzuführen sind. Das lässt doch hoffen, denn die Muskeln können wir schließlich selbst trainieren.
Das beste Rezept: regelmäßiges Training in Form von Ausdauersport und Muskeltraining, um effektiv gegen Verspannungen, Kreuzleiden und Hexenschuss vorzugehen. Zwickt es auch bei Ihnen manchmal? Dann ist es höchste Zeit etwas zu tun. Und zwar so bald wie möglich, auch wenn es zunächst noch wehtut. Drei bis viermal pro Woche mindestens 30Minuten Ausdauersport sind ideal, weil dadurch Entzündungen im Körper und im Rücken gezielt bekämpft werden. Dazu zählen auch Spaziergänge. Zudem sollten mehrmals pro Woche Muskelübungen für Rücken und Bauchmuskulatur jeweils 15- 20 Minuten durchgeführt werden. Ein Mehr an Bewegung lässt sich auch gut in den Alltag integrieren- Treppe statt Fahrstuhl, Fahrrad statt Auto, beim Telefonieren Treppe rauf und runter gehen, die Straßenbahn eine Station früher aussteigen… Unsere Muskeln müssen also gefordert werden, dann bleiben Knochen- und Sehnengewebe elastisch, Nerven beweglich, Knorpel wird zum Wachstum angeregt und Bandscheiben heilen. Die Chance zur Genesung liegt bei einem richtigen Verhalten fast bei 100 Prozent. Dabei ist es völlig egal, ob man jemals Sport gemacht hat oder nicht. Es ist nie zu spät zu beginnen. Je früher desto besser. Bei sehr starken Beschwerden sollten Sie natürlich kurz eine Pause einlegen und erst einmal versuchen mit Salben, Wärme oder auch Kälte die Schmerzen zu reduzieren. Aber spätestens nach zwei – drei Tagen sollten Sie wieder aktiv werden. Denn wer rastet der rostet!
Und was ist eigentlich genau dieser sogenannte “Hexenschuss“?
Wenn die Hexe schießt und meist den unteren Rücken trifft, können sich die Betroffenen kaum noch aufrichten. Irrtümlich wird der Hexenschuss oft auf einen Bandscheibenvorfal
l zurückgeführt, woraufhin die Bandscheibe auf einen Nerv drückt, das ist aber maximal nur in 2 Prozent der Fall. Tatsächlich ist der Ausgangspunkt des Schmerzes fast immer eine stark verspannte Muskulatur und unrund laufende kleine Gelenke an den Wirbelkörpern der Lendenwirbelsäule sowie auch kleinste Verschiebungen der Wirbelkörper. Anlass für diese Probleme können ein Luftzug, Kälte, eine überforderte Muskulatur, aber auch Stress sein. Die Rückenmuskeln sind im betroffenen Gebiet verhärtet und unbeweglich. Erst nach einer gewissen Zeit des Leidens und nach fachgerechter Behandlung verschwindet der Schmerz wieder aus dem Leben. Der Fachausdruck für den Hexenschuss im unteren Rücken lautet “Lumbago“. Stellenweise kann auch der Ischias-Nerv, der größte Nerv unseres Körpers, mit betroffen sein. Dieser beginnt in der Hüfte und versorgt unsere Beine. Dann verspürt man einen ausstrahlenden Schmerz bis in die Zehen. Taubheitsgefühle, Kribbeln oder ein Kraftverlust der Beine können Indiz für eine “Ischialgie“ sein. In diesem Fall ist eine Ruhephase zunächst angebracht. Aber keine Angst: es ist nichts kaputt, sondern der Rücken sendet Ihnen nur ein Alarmsignal, dass es so wie bisher nicht weitergeht!
Unser Buchtipp: Ingo Froböse, Das neue Rücken-Akut-Training, Gräfe und Unze Verlag 2011
Zur Person:
Professor Dr. Ingo Froböse ist als Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule in Köln tätig und leitet dort das Zentrum für Gesundheit und das Institut für Rehabilitation. Er ist Autor einer Vielzahl von Beiträgen und Artikeln in den Publikums- und Fachmedien. Professor Froböse ist Beirat und Vorstandsmitglied sowie Berater einer Vielzahl von renommierten Fachgesellschaften und Gremien.
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